Hochgenuss in Höhenlage - Mit dem E-Bike auf die Alm

Genussvoll durch die Dolomiten: mit dem E-Bike geht das trotz Höhenmetern, auch für untrainierte Radler - (c) Maren Recken

Genussvoll durch die Dolomiten: mit dem E-Bike geht das trotz Höhenmetern, auch für untrainierte Radler.  Der Blick auf die UNESCO Welterbegipfel Latemar, Schlern und Rosengarten bringt den optischen Genuss. Der Stopp auf der Alm den kulinarischen. 

„Wir treffen uns am Gardasee mit Freunden und haben wegen der Sperrung des Brenners als Zwischenstopp ein paar zusätzliche Tage hier in Südtirol gebucht“, erzählt das Ehepaar am Nebentisch, bevor es zur Radtour aufbricht. 

Nicht nur, wenn die Österreicher wie Ende Mai geschehen, den Touristenfluss auf der beliebten Transitroute über den Brennerpass Richtung Gardasee ausbremsen, lohnt es sich, die Gegend rechts und links der Autobahn zu erkunden: ganz gezielt und beispielsweise mit Fahrradhelm und Radschuhen im Gepäck. Bei Bozen Nord runter von der Autobahn, heißt es in diesem Fall. Dann entweder weiter in südöstliche Richtung durch einen langen Tunnel am Taleingang, in stetiger Bergauffahrt rein in die kleinste Dolomitenregion, das Eggental. Oder auf der nördlichen Seite der italienischen A22 über eine Serpentinenstraße mit Panoramablick rauf aufs Rittner Hochplateau, die Sonnenterrasse oberhalb von Bozen. Die als UNESCO-Welterbe klassifizierten Gipfel von Rosengarten, Latemar und Schlern beeindrucken vom Eggental und vom Ritten aus. Beide Zielregionen liegen nur rund eine Autostunde voneinander entfernt und lassen sich somit gut zu einem mehrtägigen, aktiven Genussurlaub kombinieren. 

Unser Aufenthalt beginnt mit einer Radtour in Deutschnofen, einer der drei Gemeinden des Eggentals. „Hier geht es noch familiär zu. Handwerk, Landwirtschaft und Tourismus halten sich die Waage“, erzählt Tourismusfachfrau Isabel Zelger von ausschließlich familiengeführten Hotels und ursprünglichen Almen, die Familien, Naturliebhaber, Aktive und Genießer ins v-förmige Tal locken. „Bei uns ist es selbst in der Hochsaison nicht überlaufen. Die Radstrecken sind gepflegt, gut ausgeschildert und auch ohne Guide fahrbar“, erfahren wir von Marco Festina. Dass wir trotzdem nicht auf eigene Faust Richtung Weißhorn radeln, liegt daran dass Radguide Marco sich auch abseits der ausgeschilderten Routen bestens auskennt, uns die schönsten Aussichtspunkte zeigen kann, uns nebenbei noch zeigt, wie unebener oder steiler Untergrund problemlos zu bewältigen sind sowie die Tour je nach Fahrkönnen spontan eher auf Forstwege oder anspruchsvolle Trails führt. Er schwört auf E-Bikes, weil die Batterieunterstützung trotz unterschiedlicher Konditionslevels homogene Gruppentouren ermöglicht. Wir starten beim Bikeverleiher in Deutschnofen auf 1350 Metern Höhe zu unserer mittelschweren Rundtour über Panoramawege mit Aussicht, durch Waldstücke auf Forstwegen und schmäleren Pfaden, vorbei an der Laab Alm zur Peterberger Leger Alm auf einen ersten Espresso. Leicht unterhalb liegt das Kloster Maria Weißenstein. Auf einem breiten Forstweg fahren wir hinunter zu der barocken Wallfahrtskirche: Fotostopp, ein kurzes Stück auf der Autostraße und ab in den Wald. Teils steil und vor allem stetig bergauf geht es zum höchsten Punkt unserer 33 Kilometer langen Runde: Eine Bergwiese auf über 1800 Metern Höhe unterhalb des Weißhorns (zum Gipfel ginge es nur noch zu Fuß) und oberhalb der Bletterbachschlucht. Atemberaubend weit unten, mit beeindruckenden Felsformationen liegt der „Grand Canyon Südtirols“ zu unseren Füßen. Die größte Schlucht im Alto Adige ist ein offenes Buch in Sachen Entstehungsgeschichte der Dolomiten. Rund 10 Millionen Tonnen über Jahrmillionen hinweg abgetragenes Gestein machen an den hoch aufragenden Felsen den Aufbau der Dolomiten sichtbar: Porphyr ganz unten, in der mittleren Schicht Sandstein, zuoberst Dolomit-Kalkstein. Wie er auch am Weißhorngipfel vorkommt.

Uns zieht es weder hinunter in die Schlucht noch hinauf auf den Gipfel, sondern zurück auf den Sattel. Der Hunger macht die Abfahrt noch etwas flotter, die Höhenmeter in den Beinen die Nudeln und Knödel auf der Neuhütt Alm noch leckerer. Selbst die kalorienreichen Strauben, ein traditionelles, in heißem Fett ausgebackenes Schmalzgebäck passen noch locker in die Radhose. Die letzten fünf Kilometer zurück zum Ausgangspunkt geht es nur noch bergab. Was jetzt noch zählt, ist wohldosiertes Bremsen auf den Schotterstrecken. Ähnliches gilt auch auf dem Ritten, wo wir zwei Tage später mit Dominik Pellegrin unterwegs sind. Riviera der Dolomiten wird das gut 111 Quadratkilometer große Hochplateau auch genannt. Im 17. Jahrhundert zog es wohlhabende Bozener Kaufleute und Adelsfamilien dort hinauf in die Sommerfrische. Damit legten sie den Grundstein für den modernen Tourismus auf dem Hochplateau, das geographisch gesehen im Herzen Südtirols liegt.  Zwischen parkähnlichen Wiesen und sanften Almmatten zeugen die Sommerhäuser von einst besonders in den Ortsteilen Klobenstein oder Maria Himmelfahrt vom Luxus der einstigen Sommerfrische. Künstler oder Literarten zog es auf den Ritten. Nach Sigmund Freud, der 1911 im Familienurlaub den Ritten wandernd entdeckte, ist die sechs Kilometer lange Freud Promenade zwischen Klobenstein und Oberbozen benannt. Heute kommen die Touristen, wegen der vielen Sonnenstunden, der angenehmen Brise, die hier meist weht, oder der vielen Wander- und Radfahrmöglichkeiten. Letztere gibt es hier für alle Levels und  immer mit dem grandiosen Dolomitenpanorama vor Augen,  erfahren wir von Dominik. Er will mit uns fast ganz hinauf aufs Rittner Horn, das mit 2260 Metern der höchste Punkt auf dem Ritten ist. Gleich zu Beginn unserer gemütlichen Genusstour, die fast ausschließlich abseits vom Verkehr über kleine Sträßchen und Schotterwege führt, erklärt er uns die Entstehung der Erdpyramiden. Den Blick auf die charakteristischen Bergspitzen mit Deckel erhaschen wir bei Lengmoos durch ein Loch im Loch im dichten Baum- und Buschbewuchs, das den Radweg säumt. „Die Erdpyramiden auf dem Ritten sind die höchsten Europas“, erzählt Dominik und berichtet, dass die kegelförmigen Lehmspitzen mit den oben aufliegenden Felsbrocken aus einem Jahrtausende langen Zusammenspiel von späteiszeitlichem Moränenlehm und Regenfällen entstanden sind. Weil der Regen den im trockenen Zustand steinharten Lehm zu einem weichen Brei machte und immer mehr Lehmboden weggeschwemmte. Außer dort, wo Gesteinsbrocken lagen, die den darunter liegenden Lehm trocken hielten und so vorm Wegschwemmen schützten. Nach einem ausgiebigen Fotostopp radeln wir weiter über den Dolomiten- und Almweg und mit Einkehr in Bad Siess bis zur Talstation der Rittner Horn Bergbahn. Wer sich, weil ohne E-Bike unterwegs, ein paar Höhenmeter sparen will, nutzt die Gondelbahn bis zur Bergstation an der Schwarzseespitze und spart sich das Radfahren für die Abfahrt auf. Wir setzen weiter auf die Kombination aus Muskelkraft und Batterieunterstützung und pedalieren ohne große Anstrengung hoch bis zur Feltuner Hütte. „Bis hierher kommt jeder E-Biker, weiter hoch aufs Rittner Horn sollte man schon fahrradaffin sein“, erklärt Dominik, dass es zwischen Feltuner Hütte und Rittner Horn teilweise recht steil wird, und besonders bergab auf dem steilen Schotterstück ein gewisses Bremsknowhow vorhanden sein sollte. Sein Tipp für alle, die erstmals mit dem E-Bike in den Bergen unterwegs sind: „Denkt daran, dass alleine das Gewicht des E-Bikes Euch bergab schneller macht und bremst niemals nur mit der Hinterradbremse, sonst rutscht Euch das Hinterrad weg“, rät er dazu beide Bremsen gleichzeitig zu verwenden und statt Dauerbremsen immer wieder kurz anzubremsen. Während wir weiter übers Radfahren fachsimpeln, genießen wir die südtiroler Küche auf der Feltuner Hütte und den Panoramablick auf die umgebenden Dolomitengipfel. Schließlich haben wir uns „Hochgenuss in Höhenlage“ als Motto unserer heutigen E-Bike-Tour gesetzt. Da passt es, dass die Feltuner Hütte vom Falstaff Restaurantguide als Gourmethütte 2024 ausgezeichnet wurde. Unter anderem wegen der Latschenbandnudeln mit Hirschragout und weil der Hüttenwirt als Sommelier so manchen Schatz im Weinkeller hat.    

Gut zu wissen
Anreise

Mit dem Auto über Fernpass, Brennerautobahn A22 bis Abfahrt Bozen Nord. Ins Eggental weiter auf SS241, SS620 und SP72 bis Deutschnofen. Auf den Ritten ab Bozen Nord auf SP22 Richtung Oberbozen/Klobenstein

Mit der Bahn nach Bozen (ab München Direktverbindung), ins Eggental weiter mit Linienbus 181 Richtung Deutschnofen. Auf den Ritten fährt die Buslinie 165 ab Busbahnhof Bozen nach Klobenstein.

Fahrrad
Eggental/Deutschnofen: www.flexsports.it, professioneller Radverleih mit sehr guten Rädern, geführte Radtouren.

Ritten: Radverleihüber Hotels möglich oder besser das eigene Rad mitbringen, dann passt die Größe auf jeden Fall. Bikeguide Dominik Pellegrin https://guide.alpsadventure.bz/de#top

Einkehren
Eggental
Petersberger Leger Alm www.facebook.com/p/Petersberger-Leger-Alm-100054189461251/Neuhütt Alm www.facebook.com/p/Neuhütt-Alm-100067397092692/

Ritten 
Gasthaus Bad Siess www.badsiess.it/de
Feltuner Hütte www.feltunerhuette.it/de

Übernachten
Eggental: Vitalhotel Erica, familiengeführtes 4-Sterne-S Hotel, Bikehotel zentral in Deutschnofen fußläufig zum Radverleih. Bietet für die Gäste mehrmals wöchentlich geführte E-Bike-Touren DZ/Frühstück ab 150 €/Person www.erica.it

Ritten: Hotel Lichtenstern in Lichtenstern, familiengeführtes 3-Sterne-S Hotel in idyllischer Lage mit neuem Außenpool und Panoramablick auf den Schlern, DZ/Frühstück ab 110 €/Person www.lichtenstern.it/de

Weitere Infos
www.eggental.com 
www.ritten.com

Über den Autor*Innen

Maren Recken

Maren Recken ist als freie Journalistin mit Videokamera, Fotoapparat und Notizblock unterwegs. Häufig in Italien, am liebsten im Gespräch mit den Menschen vor Ort; auf der Suche nach einer besonderen Story und einem authentischen Reiseziel. Sie veröffentlicht online und in verschiedenen Tageszeitungen, dreht Videos und erstellt Imagefilme. Während und nach ihrem Germanistikstudium hat sie mit verschiedenen privaten Radio- und Fernsehsendern zusammengearbeitet. Bei La Nazione in Florenz hat sie in der Onlineredaktion erlebt, wie Journalismus in Italien funktioniert.