Als ein „Feuerwerk der Endorphine“ beschreibt Bernhard Olt die Ankunft aus eigener Muskelkraft auf dem Brenner, „den ich ja sonst nur aus dem Auto kannte“, im Rückblick auf sechs Tage im Sattel und teils hart erarbeitete rund 680 Kilometer in den Beinen. Und schwärmt von der Ankunft in Bassano del Grappa: „überwältigend!“
Die in Venezien gelegene norditalienische Stadt, deren Wahrzeichen die Ponte degli Alpini ist, verbindet seit fast 50 Jahren eine intensiv gelebte Städtepartnerschaft mit dem im Enzkreis gelegenen Mühlacker. Für Radgruppen aus Mühlacker immer wieder ein Grund, sich auf dem Fahrrad auf den Weg über die Alpen zu machen. Dieses Mal hat ein Radtrio plus Begleitfahrzeug die Route über die Schwäbische Alb, Garmisch Partenkirchen, Innsbruck, Brenner, Bozen, Trient und schließlich durch das Valsugana gewählt. Als Ziel lockt bei jeder Kurbelumdrehung ein „Aperitivo auf der Ponte bei Nardini“, in einer der ältesten Grappa-Destillieren Italiens. Der Aperitif dort, mit Blick auf die Brenta, hat unter den Einheimischen Tradition und gehört für Touristen fast zum Pflichtprogramm.
Zwischen der Abfahrt vom Waldendsersteg in Mühlacker und der Ankunft an der Ponte degli Alpini in der italienischen Partnerstadt hat das Radtrio gemeinsam an steilen Anstiegen unter gnadenlos vom Himmel brennender Sonne gelitten, sich in endlos erscheinenden Gegenwindkilometern Windschatten gegeben, auch mal gemeinsam, ohne Scham, geschoben, wenn der Schotter in der Gravelpassage zu grob wurde und die Steigung laut Tacho bei über 20% lag. Hat lange Abfahrten genossen, trotz Tagesetappen von meist über 100 Kilometern Muse gehabt, die Schönheit der Landschaft zu genießen und vor allem als Team zusammengefunden. „Die Truppe hat untereinander toll harmoniert, was bei so unterschiedlichen Charakteren nicht selbstverständlich ist“, lobt Ralf Geiger den Teamgeist. „Wir hatten uns vorher zwar ein paar Mal getroffen, aber so richtig lernt man sich erst in ‚Grenzsituationen‘ kennen, und das hat aus meiner Sicht hervorragend gepasst“, ergänzt Olt. Ein Eigenlob in Sachen Teamfähigkeit, dem sich die Autorin dieser Zeilen, als Dritte im Radlerbunde, nur anschließen kann. Mit einer durchaus selbstkritischen Ergänzung und einem Dank an die Kavaliere auf dem Zweirad und den Fahrer im Begleitfahrzeug: „Unser Begleitfahrzeugfahrer musste mindestens genauso schaffen wie wir. Schließlich ließ er es sich nicht nehmen, jeden Abend zur Ankunft unser Gepäck auf die vorgebuchten Zimmer der Etappenziele zu verteilen“. Wer die schwerste Tasche hatte, darüber schweigt die Autorin, die in Italia „bella figura“ machen wollte und entsprechend in die Reisetasche gestopft hatte, was reinging, schamhaft und lobt stattdessen die Umkehrung des Mottos „ladies first“ zu „ladies last“, als es auf den rund 50 Kilometern zwischen Bozen und Trient darum ging, windschattengebend bei extremem Gegenwind vornedraus zu fahren.
Besagter Gegenwind war bei der Routenplanung so nicht vorgesehen, auf einem entspannt angedachten Abschnitt mit abwechselnd ebenem sowie leicht abfallendem Streckenprofil. Doch genau in solchen Herausforderungen liegt der Reiz auf Mehrtagestouren und der Unterschied zwischen der Etappenplanung am heimischen Computer, der vom Radcomputer während der Tour ganz objektiv aufgezeichneten Strecke und den subjektiven Empfindungen in Abhängigkeit nicht kalkulierbarer Faktoren, die bewältigt werden müssen. Im konkreten Fall sah die Etappenplanung sechs Tage im Sattel mit genau festgelegten Routen vor: 133 Kilometer die längste, 88 Kilometer die kürzeste Etappe, 680 Kilometer die Gesamtstrecke.
Der Radcomputer hat brav geführt, wie geplant und akribisch aufgezeichnet, dass die steilste Steigung gleich im Wald hinter Geislingen lag und die beiden längsten, steilen Anstiege am Stück in Innsbruck und in Trient begannen, während es zur Passhöhe auf den Brenner in ständigem Auf und Ab zuerst auf der alten Brennerstraße und dann die letzten Kilometer über die Brennerbundesstraße ging. Ab Passhöhe führte – mit einigen Ausnahmen – fast alles nur noch über Radwege, zuerst auf einem aufgelassenen Bahndamm, später lange Strecken an verschiedenen Flüssen entlang. Und im subjektiven Fazit?
Da jammert die Autorin noch heute über knapp 40 Grad auf dem Tachothermometer auf der Etappe von Mühlacker hoch auf die Schwäbische Alb, die irgendwann zu Krämpfen führten. Trotz ausreichend isotonischer Flüssigkeit in den Radflaschen, während der Fahrt verzehrter Proteinriegel und Pause bei Eis mit Erdbeeren und Cola. Und freut sich im Rückblick, dass die Fahrt im Auf und Ab durch kleine Dörfer auf den Brenner hoch mit Blick auf die, teils parallel verlaufende, gigantische Autobahnkonstruktion erstaunlich angenehm war, obwohl es bei Innsbruck erst einmal schweißtreibende knapp acht Kilometer am Stück mit Steigungen im zweistelligen Bereich bergauf gegangen war. Ihr während konditionell fordernder Passagen bereits auf einer einige Jahre zurückliegenden Alpenüberquerung, mantrahaft bei jeder Pedalumdrehung vor sich hin gemurmeltes: „Du willst das! Du schaffst das!“, hat auch dieses Mal geholfen. Ganz zu schweigen von den vielen Wow-Momenten unterwegs, die wie Aufputschmittel wirkten, wenn es durch landschaftlich besonders hübsche Passagen ging, wie beispielsweise auf der Hochebene der Schwäbischen Alp, in der immer hügeliger werdenden Landschaft des Unterallgäus oder als nach einem Schotteranstieg durch den Wald erstmals am Horizont die Silhouette der Alpen auftauchte. Die Aufzählung ließe sich noch beliebig ergänzen, beispielsweise um Fahrten durch Moorlandschaft oder entlang schnell strömender Gebirgsflüsse. Eine Fahrt auf dem Fahrrad über die Alpen ist ein viel intensiveres Erlebnis als im Auto und die Freude, jeden Abend, wenn ein weiteres Ziel aus eigener Muskelkraft erreicht wurde, immer wieder unbeschreiblich.
„Ich habe die einzelnen Etappen leichter empfunden als im Vorfeld gedacht. Da hatte ich vor Beginn echt großen Respekt davor. Aber die Gruppe hat alles zusammen gut gemeistert und sich gegenseitig motiviert“, bilanziert Ralf Geiger und fügt hinzu: „Am anstrengendsten war das Aperitivo Trinken auf der Ponte Vecchio.“ Den gab es erstmals am Ankunftstag in Bassano, nachdem eine Gruppe Radfahrer aus der italienischen Partnerstadt dem Mühlacker Radtrio für die letzten 40 Kilometer entgegengefahren war. „Es war eine schöne Geste, dass die Ciclisti aus der Partnerstadt uns auf den letzten Kilometern begleitet haben“, erwähnt Olt die städtepartnerschaftliche Komponente der Alpenüberquerung. Zu der gehörte in Italien auch eine deutsch-italienische Radtour zu malerischen Städten in der Umgebung von Bassano. Ganz eben übrigens. Den Aufstieg auf den Monte Grappa, dem die Stadt ihren Namenszusatz verdankt und nicht wie oft fälschlich vermutet dem Grappa im Schnapsglas, hat sich das Radtrio (dieses Mal) gespart und stattdessen gedanklich bereits die nächste Alpenüberquerung geplant. Dann via Bodensee statt über die Schwäbische Alb.
Gut zu wissen
Etappen:
Mühlacker – Langenau, 133 km (Alternative zum Schotteranstieg bei Geislingen: über K 1441 Weiler Steige)
Langenau – Peiting, 129 km
Peiting – Seefeld in Tirol, 88 km
Seefeld in Tirol – Freienfeld, 104 km (Alternative zu steiler Schotterabfahrt von Seefeld nach Telfs: auf L36 bleiben bis Telfs)
Freienfeld – Roncafort (Trient), 127 km
Roncafort (Trient) – Bassano del Grappa, 101 km
Die Etappenvorschläge sind eher auf sportliches Fahren ohne lange Pausen ausgerichtet. Für Genussradler empfiehlt es sich, die Gesamtstrecke auf weitere und kürzere Etappen aufzuteilen.
Tourenvorschlag in Bassano: Rundtour vorwiegend auf Radwegen und kleinen Nebenstraßen zu touristischen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung: Asolo (Stadt der 100 Horizonte), Castelfranco Veneto (Altarbild von Giorgione), Cittadella (begehbare Stadtmauer), Marostica (lebendes Schachspiel).
Übernachten unterwegs
Gasthof zum Bad: 3-Sterne-Superior-Hotelin Langenau mit gleich zwei Restaurants. Gourmetradler speisen im mit einem Michelin Stern prämierten Dining Restaurant HOCHZWEI, Genussradler in der Stube ZWEI.NULL, ÜF/DZ ab 125 € https://gasthof-zum-bad.de/
Lener Wirtshaus & Hotel: 4-Sterne-Hotel in Freienfeld mit Fahrradraum, Trockenraum und Waschmöglichkeit sowie Hallenbad + Sauna, ÜF/DZ ab 165 €, zzgl. Kurtaxe www.lener.it/de.html
Übernachten Bassano del Grappa
Villa Angaran San Giuseppe: Gästehaus in Bassano del Grappa in ehemaligem Jesuitenkonvent. In den Sommermonaten Frühstück und Bar im weitläufigen Garten. Räder dürfen aufs Zimmer genommen werden. Klimaanlage vorhanden, Gruppenrabatt verfügbar. ÜF/DZ ab 76 € zzgl. Kurtaxe www.villangaransangiuseppe.it
Essen Bassano del Grappa
Ristorante Birreria Ottone: Bereits in der fünften Generation familiengeführt werden in original Jugendstilambiente genauso traditionelle Gerichte aus der Gegend serviert wie Fischtartar oder Gulasch. Letzteres ist den österreichischen Wurzeln des Gründers geschuldet. Reservierung erforderlich. localistorici.it/i-locali-storici/ristorante-birraria-ottone/
Über den Autor*Innen
Maren Recken
Maren Recken ist als freie Journalistin mit Videokamera, Fotoapparat und Notizblock unterwegs. Häufig in Italien, am liebsten im Gespräch mit den Menschen vor Ort; auf der Suche nach einer besonderen Story und einem authentischen Reiseziel. Sie veröffentlicht online und in verschiedenen Tageszeitungen, dreht Videos und erstellt Imagefilme. Während und nach ihrem Germanistikstudium hat sie mit verschiedenen privaten Radio- und Fernsehsendern zusammengearbeitet. Bei La Nazione in Florenz hat sie in der Onlineredaktion erlebt, wie Journalismus in Italien funktioniert.