Mit dem rosa Elefanten aufs Rennrad und bergab

Seit einem unfreiwilligen doppelten Salto über den Rennradlenker habe ich bei steilen und schnellen Abfahrten Probleme - (c) Maren Recken

Rad fahren macht Spaß. Bergab noch mehr als bergauf. Sollte es. Eigentlich.
Wenn aber bei jeder Tour in die Berge ein kleiner fieser Kerl mit aufs Rad steigt, sieht das ganz anders aus. „Meinst du, du schaffst die Abfahrt dieses Mal locker und entspannt? Na, das werden wir ja sehen…“, höhnt er bereits vor dem ersten Tritt in die Pedale. Blauer Himmel, optimale Temperaturen, kaum Autos auf der Passstraße unterwegs. Um die 1.000 Höhenmeter auf knapp zwanzig Kilometer, kein Problem. Die Beine sind trainiert, es läuft. Bis sich der kleine Kerl wieder meldet. „Hast du die Schlaglöcher gesehen? Und auch sonst ist der Straßenbelag ja nicht gerade das, was man glatt nennt. Und du meinst wirklich, du kommst da wieder heile runter?“ Mit jedem Höhenmeter fällt der Anstieg schwerer. Nicht weil die Puste ausgeht, sondern weil jede Spitzkehre in Richtung Passhöhe enger zu werden scheint. Besonders beim Gedanken an die drohende Abfahrt. Die Aussicht ist atemberaubend. Kilometerweit in die Ebene reicht der Blick. Bevor ich wirklich genießen kann, was ich mir an Sicht erstrample, zwingt mich der kleine Kerl, stattdessen den Blick in den felsigen Abgrund neben der Straße zu richten: „Hast du gesehen wie steil es da runter geht? Hast du schon mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn du nicht mehr bremsen kannst und über die Leitplanke fliegst? Und Autos kommen dir bei der Abfahrt sicherlich auch entgegen. Vielleicht sogar LKWs. Oder sie drängeln dich von hinten.“. Der kleine Kerl braucht gar nichts mehr zu sagen: Meine Hände sind bereits jetzt schweißgebadet! Von wegen bergabfahren macht Spaß.

Irgendwie bin ich wieder unten angekommen. Fix und alle. Gefühlt mit Dauerbremsen. Wohlfühlfaktor unterirdisch. Stressfaktor galaktisch. Was ich sonst an Kurventechnik eigentlich gut beherrsche, war wie ausgelöscht. Ich will nie wieder eine Passstraße fahren. Und dann google ich: Rennrad, Passstraße, bergab, Angst, Stress, Haarnadelkurve. Und stoße auf Eva Helms und ihr Mentaltraining.

Wir üben am Rande des Odenwalds, auf dem Apfelblütenweg bei Schriesheim. Ideale Bedingungen für Kandidaten wie mich, findet Eva: Eine moderate Gefällstrecke, eine enge Rechts- und eine enge Linkskurve, keine Autos. Später geht es auf eine kleine Ausfahrt. Natürlich mit Abfahrt! Eva setzt auf eine Mischung aus Techniktraining und Erkenntnissen aus der Hirnforschung. „Daraus habe ich meine Trainingsmethode entwickelt, die darauf basiert, Ängsten mit speziellen Techniken entgegenzuwirken“, berichtet sie. Und fügt an: „Diese Kombination aus Mentaltraining und Techniktraining ist mein Alleinstellungsmerkmal. Das haben mir meine Kunden, die ich zum Training auch in Hamburg oder der Schweiz aufsuche, versichert“.

Zuerst einmal beruhigt Eva, dass Angst eigentlich ein ganz normaler Vorgang des Gehirns ist, wenn dieses eine Situation als unbekannt oder bedrohlich einstuft. Nur wenn es zu viel wird und sich das Gehirn auf die Angst fixiert, sei es an der Zeit es auszutricksen, um die Angst in Griff zu bekommen. Und dann kommt der rosa Elefant ins Spiel.

„Wenn ich Dir sage, denke jetzt nicht an einen rosa Elefanten, dann sucht Dein Gehirn zuerst nach Gedanken, Bildern und Erinnerungen zu rosa Elefanten und ist erst in einem zweiten Schritt in der Lage, nicht an einen rosa Elefanten zu denken“, nennt Eva ein Beispiel dafür ,wie man sein Gehirn unnötig stressen kann, weil man vom ihm eine doppelte Leistung fordert. Genauso sei es mit der Angst beim Bergabfahren. Krampfhaft zu denken, ich brauche keine Angst zu haben, wäre unnötiger Stress in einer bereits stressigen Situation. Stattdessen nennt sie mir Alternativen, an die ich bewusst denken soll, damit die Abfahrten stressfrei und sicherer werden: Die Schulter locker, tief und bewusst atmen, den Bauch anspannen (das macht die Körpermitte stabil und das Fahren ruhiger). Auch einmal bewusst lächeln. Und das umsetzten, was wir im technischen Teil ihres Mentaltrainings an Kurventechnik nochmal geübt haben: Also nicht dorthin schauen, wo ich meine, dass Gefahr lauert, sondern dorthin, wo ich hinfahren möchten. In jeder Kurve, die immer von außen her anfahren werden soll, zunächst in die Kurvenmitte und dann Richtung Kurvenausgang. Gedanken wie: „Schaffe ich das? Ich brauche keine Angst!“, werden ersetzt durch Gedanken wie: „Nach vorne schauen, Schultern locker, Bremse lösen!“.

Und es funktioniert. Zuerst am Weinbergweg, gemeinsam mit Eva. Später integriert in die Ausfahrten alleine. Anfangs sind Gefälle und Geschwindigkeit noch moderat, dafür bleibt nach jeder, ohne Angst gemeisterten Abfahrt, ein positives Gefühl zurück. „Mentaltraining ist immer auch ein halber Schritt zurück. Gerade nach Stürzen“, betont Eva. Gerade in der Anfangsphase solle man das Training klein gestalten, damit immer eine positive Erinnerung bleibe. Dopamin-Belohnung fürs Hirn auch auf der Babyabfahrt. Auf die Dauer hilft das, genauso wie ein Trainingstagebuch und die Regelmäßigkeit des Trainings, inklusive der positiven Erlebnisse. Der kleine fiese Kerl meldet sich immer seltener. Auch bergab macht jetzt Spaß. Auch mit mehr Tempo. Auch in den Kurven. Und im Sommer steht die Bewährungsprobe an: Ein Alpencross ist geplant. Dem kleinen fiesen Kerl habe ich bereit klargemacht: „Diesmal kommst du garantiert nicht mit!“.

Weitere Infos www.sportmentalcoaching-rueckenwind.de/stressfrei-bergab/

Eva Helms hat den Sport zunächst aktiv entdeckt, mit Erfolgen im Triathlon. Sie war unter anderem 2012 beim Ironman in Hawaii mit dabei und hat es bis ins Ziel geschafft. Neben einer Ausbildung zum Sport-Mental-Coach (Steinadler Seminare) hat sie Fortbildungen zum Thema „Trainingslehre“ und „Resilienztrainer“ absolviert. In ihrem Mentaltraining und Mentalcoaching verbinden sich die eigenen sportlichen Erfahrungen mit dem in der Ausbildung gelernten. Neben dem Radfahren hat sie noch die beiden anderen Triathlon-Disziplinen, Laufen und Freiwasserschwimmen, im Programm.

Mentaltraining stressfrei bergab, Einzeltraining 120 Euro /Person
Mentaltraining stressfrei bergab, Gruppentraining 80 Euro /Person (ab 3 Teilnehmern)

Das Mentaltraining dauert 3,5 bis 4 Stunden und beginnt mit einem Fahrpraxistraining und einer Einführung ins Mentaltraining, dann folgen ganz viele Übungen und viel Zeit zum Ausprobieren des neu Erfahrenen; inklusive einer kleinen, rund 25 km langen Rundfahrt. Negative Erlebnisse aus der Vergangenheit, wie Stürze, werden nur soweit notwendig thematisiert. Schließlich sollen sich die positiven Empfindungen festsetzen.

Seit einem unfreiwilligen doppelten Salto über den Rennradlenker habe ich bei steilen und schnellen Abfahrten Probleme - (c) Maren Recken
Ein Sportmentaltraining von Eva Helms hat geholfen, diese zu überwinden- (c) Maren Recken
Wir üben am Rande des Odenwalds, auf dem Apfelblütenweg bei Schriesheim - (c) Maren Recken
Ideale Bedingungen für Kandidaten wie mich, findet Eva: Eine moderate Gefällstrecke, eine enge Rechts- und eine enge Linkskurve, keine Autos - (c) Maren Recken
„Daraus habe ich meine Trainingsmethode entwickelt, die darauf basiert, Ängsten mit speziellen Techniken entgegenzuwirken“, berichtet sie - (c) Maren Recken
- (c) Maren ReckenEva setzt auf eine Mischung aus Techniktraining und Erkenntnissen aus der Hirnforschung - (c) Maren Recken
Anfangs sind Gefälle und Geschwindigkeit noch moderat, dafür bleibt nach jeder, ohne Angst gemeisterten Abfahrt, ein positives Gefühl zurück - (c) Maren Recken
Gerade in der Anfangsphase solle man das Training klein gestalten, damit immer eine positive Erinnerung bleibt - (c) Maren Recken

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