In Osttirol ist es wärmer geworden. Der Klimawandel macht sich auch in diesem Winkel bemerkbar. Aber von regelrechtem Hitzestress spricht in den Hochtälern bisher kaum jemand. „Zu uns kommen die Sommergäste traditionell zum Wandern oder zum Mountainbiken,“ meint der Wirt des Gasthofes Pichler in St. Veit in Defereggen, Osttirols höchst gelegenem Bergdorf auf 1495 Meter. „Abkühlung können wir hier oben oft sogar im Hochsommer bieten. So kann es passieren, dass sich die Gäste morgens die Augen reiben, weil es über Nacht auf den Berggipfeln, die alle über 2000 Meter hoch sind, geschneit hat.“ Wintereinbrüche im September sind in dieser Region keine Seltenheit. Hoffentlich haben die bewirtschafteten Almen noch offen – ist unsere Sorge. Aber die Almbauern in dieser Höhe sind Schneefall gewohnt. Sie brechen die Saison nur vorzeitig ab, wenn der Schnee länger liegen bleibt und das Vieh auf den Bergwiesen nichts mehr zu fressen findet.
Das Defereggental an der Grenze zu Südtirol ist jedenfalls ein ideales Revier für bergaffine E-Biker. Ohne Motor dürfte es für so manche Tourenradler und Mountainbiker etwas zu anspruchsvoll sein. Zum Warmfahren bietet sich der Schotterweg entlang der Schwarzach an. Er führt zu vielen schönen Bauernhöfen und Weilern zwischen St. Jakob und Mariahilf. Wenn es dann etwas steiler sein darf, kommen die Trojeralm (450 Höhenmeter) und das kleine Almdorf Bruggeralm (400 Höhenmeter ab St. Jakob) in Frage, beide liegen in wunderschönen Hochtälern, wo Murmeltiere auf den steilen Wiesen pfeifen. Und man kann dort wunderbar einkehren. Kulinarisch dürfen sich die Gäste unter anderem auf Kaiserschmarren, Schlipfkrapfen und frische Almprodukte wie Graukäse und Buttermilch freuen. Und bei kühlem Wetter geht’s hinein in die gemütlichen Kaminstuben. Die Königstour im Defereggental zieht sich hinauf zur Jagdhausalm in den Nationalpark Hohe Tauern und weiter zum Klammljoch (45 km, 980 hm) an der Landesgrenze zu Italien. Eine grandiose, archaisch anmutende Bergwelt jenseits der Zweitausender-Marke, erreichbar mit einem vollen Akku und ohne größere fahrtechnische Schwierigkeiten.
Morgens um acht geht’s los. Die Temperatur ist noch nicht mal zweistellig. Also rollen wir erst mal gut eingepackt in Fleece und Wetterjacke von St. Veit hinunter ins Defereggental zum Schwarzachufer. Auf einem Schotterweg kurbeln wir flussaufwärts. Das ist der Radweg Defereggental. So verkündet es zumindest ein großes grünes Schild an der Holzbrücke zur Dorfmitte von St. Jakob. Und auf der Hinweistafel steht auch gleich unser Tagespensum: Klammljoch 22 km – einfach.
Von den mächtigen Bergriesen ist hier unten noch nichts zu sehen. Dunkler Bergwald erstreckt sich im engen Tal bis zum Horizont. Deshalb bestimmen auch schattige Waldpassagen die ersten Kilometer, ab und zu unterbrochen von kleinen Weilern wie Grünmoos und Mariahilf. Sonnengegerbte Holzhäuser und Scheunen stehen auf der Lichtung, auf den Wiesen stehen Kühe und lassen Radler Radler sein. Eine kleine Häuseransammlung trägt den seltsamen Namen Rinderschinken. Warum auch immer.
Das Tal verengt sich, und die Schwarzach fließt schließlich tief unten in einer Felsschlucht. Erst beim einsamen Alpengasthof Patsch weitet sich das Tal wieder und gibt langsam den Blick frei auf die hohen Gipfel. Der Bergweg bringt uns hinauf zur Jausenstation Oberhaus. Aber hier sind die Läden zu – anscheinend schon länger. Hier ist auch der Eingang zum Nationalpark Hohe Tauern, in großen Lettern auf einen Felsbrocken geschrieben. Rundherum breitet sich der größte zusammenhängende Zirbenwald der Ostalpen aus. Wer hier etwas mehr über die faszinierende Natur und Kultur wissen möchte, kann eine etwa halbstündige Runde auf dem schmalen, bergigen Naturlehrweg wandern. Gesagt, getan. Auf anschaulich gestalteten Lehrtafeln wird das reiche Artenspektrum an Flora, Fauna und der Almkulturlandschaft gezeigt. Der Clou ist dabei der Wildbeobachtungsturm. Wir erspähen zwar von hoch oben nur ein Reh und hören die Pfiffe einiger Murmeltiere, aber der Ausblick lohnt sich allemal.
Nach und nach wechselt die Szenerie. Das Hochtal weitet sich. Statt Bergwald dominieren mächtige Dreitausender, wie das Keesegg (3173 m) und die Alplesspitze (3149 m) die Kulisse. Und es bestätigt sich: Die Biketour ins Hintere Defereggental birgt keine besonderen fahrtechnischen Herausforderungen. Die Schwierigkeitsstufe dürfte bei leicht bis mittel liegen. So können auch weniger versierte Mountainbiker besser die grandiose Szenerie genießen.
Wir passieren die Untere und kurz darauf die Obere Seebachalm, die schon über 1900 Meter hoch liegen. Nach einer steilen Geländestufe – das ist der technisch anspruchsvollste Wegabschnitt – schiebt sich auf der anderen Talseite die älteste Almsiedlung Österreichs, die Jagdhausalm, ins Bild. Sie besteht aus 16 Steinhäusern und der Maria-Hilf-Kapelle. Schon im Jahr 1212 haben hier auf 2009 Meter nachweislich sechs Almhütten existiert. Eingebettet zwischen Felsen und Grasmatten werden die Almen oft als „Klein Tibet“ der Alpen bezeichnet. Auch wenn die Satteldächer nicht ganz zu Tibet passen würden und irgendwie mehr an die Abruzzen erinnern.
Aber das Hochtal ist noch nicht zu Ende. Es gilt noch ein paar Schotterserpentinen zu überwinden, bevor bei der Arventalalm der Schlussanstieg zum Klammljoch beginnt. Eine Schranke und ein Holzhäuschen markieren oben auf 2295 Metern die Grenze zwischen Südtirol und Osttirol, zwischen Österreich und Italien. Wer noch Lust auf einen kleinen Abstecher hat, rollt zum Klammlsee hinunter. Der kleine Bergsee ist schon vom Joch aus zu sehen. Ansonsten geht es wieder zurück hinunter auf dem Anfahrtsweg. Aber möglichst nicht ohne ausgiebige Pause in dieser grandiosen Umgebung. Zum Beispiel um den Graukas in der Arventalalm (2189 m) zu probieren oder auf der Jagdhausalm eine frische Buttermilch zu trinken. Beide Almen werden von Südtiroler Sennern bewirtschaftet. Zur ältesten Alm Österreichs muss man allerdings einen kleinen Umweg einplanen, denn zwischen Fahrweg und Alm liegt eine tiefe Schlucht. Und der direkte Weg auf schmalem Pfad und schmalem Brücklein ist fürs E-Mountainbike kaum geeignet.
Der Rückweg nach St. Jakob gestaltet sich einfach – überwiegend einfach rollen lassen. Nur für die letzten Höhenmeter wieder hinauf nach St. Veit braucht es noch etwas Restenergie im Akku.
Gut zu wissen
Tourist Info: Urlaubsregion Defereggental – Tourismusinfo St. Jakob, Unterrotte 44, A-9963 St. Jakob im Defereggental, www.defereggental.com, www.osttirol.com
Bike-Verleih: Sport 2000 Defereggental – Talstation Brunnalm, Außerrotte 33, A-9963 St. Jakob in Defereggen, www.sport-passler.athttps://www.jagdhausalm.com
Einkehren am Berg:
Jagdhausalm, Trojeralm Jausenstation, Bruggeralm, Alpengasthof Patsch
Hotel-Tipps:
Jesacherhof, Außerrotte 37, A-9963 St. Jakob im Defereggental
Alpengasthof Pichler, Gsaritzen 13, A-9962 St. Veit in Defereggen
Über den Autor*Innen
Armin Herb
Seit Kindheitstagen sitzt der studierte Geograf auf dem Fahrrad und erkundet die Landschaft in Nah und Fern. Allerdings ist er auch gerne zu Fuß unterwegs, insbesondere in den Alpen und im Schwarzwald. Er publizierte rund zwanzig Bücher zum Thema Radfahren und Mountainbiken und schreibt bis heute Beiträge über Reisen, Radfahren, Wandern und Wintersport für Tageszeitungen, Online-Portale und Fachmagazine.