Am 2. August geht es wieder los, die BR-Radltour startet zum 35. Mal und führt 1.000 Radlfahrer durch Bayern. In diesem Jahr führt sie von Nördlingen, über Königsbrunn, Oberammergau, Rosenheim, Dorfen nach Bad Füssing.
Lutz Baeucker, der mit Beginn seines (Un)Ruhestands radlfreak.de regelmäßig mit spannenden Radgeschichten versorgt gehörte zu einer Gruppe von drei jungen Redakteuren, die gemeinsam mit Thomas Gaitanides 1989 die BR-Radltour konzipierten. Über mehr als 30 Jahre war Lutz als Tour-Reporter im Einsatz. Heute fährt er privat einzelne Etappen mit und hat noch immer viele Kontakte und Einblicke in die Entwicklung der BR-Radltour. Ein Grund für mich mit Lutz über dieses gesellschaftliche und touristische Ereignis zu sprechen.
Jörg Bornmann: „Guten Morgen Lutz, Du bist ja ein Urgestein der BR-Radltour, fährst Du in diesem Jahr wieder komplett mit?“
Lutz Baeucker: „Nein, dieses Jahr bin ich nicht mehr dabei, ich bin ja nun ein Rentier. Das machen Jüngere schon seit ein paar Jahren, aber ich fahre jedes Jahr ein oder zwei Etappen mit, wenn das Wetter passt. Ich fahre nicht mehr bei jedem Wetter. Es muss Spaß machen, man muss sich nicht mehr quälen“
Jörg Bornmann: Es gibt 1000 Plätze für die Tour. Muss man sich frühzeitig einbuchen oder kann man auch spontan mitfahren?
Lutz Baeucker: Nein, man muss sich dafür bewerben. Es gibt 1000 Plätze. Früher waren bis zu 2000 Teilnehmer dabei, aber das hat sich wegen der Logistik als unpraktikabel erwiesen. Jetzt sind seit Jahren immer 1000 dabei. Dafür muss man sich beim Bayerischen Rundfunk bewerben. Das passiert im frühen Frühjahr, so im April, um Ostern herum muss man sich bewerben und dann wird man ausgelost, da es immer deutlich mehr als 1000 Bewerber sind. Es gibt dabei verschiedene Kriterien, damit man eine entsprechende Durchmischung hat, z.B. nach Geschlecht, nach der lokalen Verteilung, also Oberbayern, Niederbayern, Franken und Schwaben, E-Bike- oder Bio-Bikefahrer usw. Und dann kriegt man, wenn man Glück hat, einen Platz zugeteilt. Es muss eine Teilnehmergebühr bezahlt werden, die jetzt so knapp 400 € beträgt. Früher haben wir mit 80 Mark angefangen.“
Jörg Bornmann: „Du hast bereits die Logostik angesprochen, wo wird übernachtet?“
Lutz Baeucker: „Übernachtet wird in Massenunterkünften (z. B. Turnhallen); das THW übernimmt den Transport von Matratzen und Gepäck. Traditionell findet die Tour deshalb in der ersten bayerischen Ferienwoche statt, wenn die Schulen frei sind.“
Jörg Bornmann: „Wie kann man sich die Vorbereitung, Planung der Streckenführung vorstellen?“
Lutz Baeucker: „Die Planung beginnt bereits im Herbst des Vorjahres und ist äußerst aufwendig. Ein Experte, jahrelang war es Wolfgang Slama vom ADFC, der inzwischen auch im Ruhestand ist, verantwortet die Strecken. Das Fahrerfeld zieht sich oft 8–10 km in die Länge, das muss entsprechend berücksichtigt werden und so sind detaillierte Abstimmungen mit Polizei, Städten und Bahn nötig. Die bayerische Polizei z.B. begleitet die BR-Radltour mit ca. 20 Motorrädern. Z.B. muss man bei Bahnübergängen wissen, wann dort Züge fahren, damit alle durchkommen und nicht gerade das ganze Peloton blockiert wird. Das zieht sich ja über eine Länge von 8 bis 10 Kilometern, man kann sich die 1000 Menschen vorstellen. Es ist eine sehr detaillierte Planung, sehr aufwendig. Jeder Misthaufen und jedes Schlagloch wird berücksichtigt, jede Ampelschaltung wird ausgeschaltet. Es ist eine sehr aufwendige Geschichte.“
Jörg Bornmann: „Du hast gerade gesagt, das Feld der Radler zieht sich weit auseinander. Gibt es einen Tempomacher, der das Tempo vorgibt oder wie kann man sich das vorstellen?
Lutz Baeucker: „Ein Tempomacher an der Spitze sorgt für gleichmäßiges Tempo und verhindert Überholmanöver. Am Ende fährt der Besenwagen und nimmt erschöpfte Teilnehmende auf. Empfohlen werden mindestens 500–1.000 Trainingskilometer, da viele Etappen sehr fordernd sind und etwa die Hälfte über 100 km lang sind. Ebenso hat sich im Laufe der 35 Jahre das durchschnittliche Tempo natürlich erhöht. Am Anfang sind wir mit einem Schnitt von gemütlichen 15, 16 km/h geradelt. Da gab es keine E-Bikes, keine Schaltung, das Material war noch nicht so gut. Inzwischen sind wir deutlich über 20 km/h schnell. Das heißt, man muss ganz schön treten.“
Jörg Bornmann: „Du hast das Material angesprochen. Es gibt mittlerweile immer mehr E-Bike-Fahrer. Darf man unabhängig davon, ob man mit einem E-Bike oder einem Bio-Bike unterwegs ist mitfahren?“
Lutz Baeucker: „Ja, aber aufgrund der Ladeinfrastruktur ist die Zahl der E-Bike-Teilnehmer begrenzt, ungefähr auf 10%, ein bisschen mehr als 10%, also 100 bis 150 E-Bike-Fahrer dürfen teilnehmen. Das muss man bei der Anmeldung angeben, wie man unterwegs sein will, mit Bio-Bike oder mit E-Bike. Man hat anfangs, als das E-Bike-Fahren aufkam, mehr mitgenommen, aber das war dann ein Chaos bei der Ladeinfrastruktur.“
Jörg Bornmann: „30 Jahre als Tour-Reporter, da gibt es bestimmt viele Erinnerungen, viele Geschichten zu erzählen.“
Lutz Baeucker: „Das stimmt, ich habe deshalb bereits 2014 ein Buch geschrieben ‚BR-Radltour – Unsere Lieblingstouren‘, da findet man viele Fotos und Anekdoten, aber auch Karten und Tipps.“
Jörg Bornmann: „30 Jahre bei der BR-Radltour und auch im ADFC akti, wie würdest du insgesamt die Entwicklung vom Radtourismus und auch das urbane Biken in den letzten 15 bis 20 Jahren beschreiben?“
Lutz Baeucker: „Trotz aller Schwächen und Kritik, viel mehr Radwege zu bauen und die Sicherheit des Radfahrens zu erhöhen hat sich bereits gewaltig viel getan. Früher, wie gesagt, vor 20, 30 Jahren war das Radfahren eine Nischenaktion, inzwischen ist es eine Volksbewegung, wenn man das so im positiven Sinne sagen darf. Natürlich auch im Tourismus mit den schönen bekannten Radwegen vom Bodensee nach Königssee, entlang der Isar, aber auch in der Oberpfalz, Franken, Mittelfranken. Die Hassberge in Franken haben im letzten Jahr den Tourismuspreis des bayerischen ADFC erhalten. Da hat sich schon so viel getan. Was sich vielleicht deutlich verbessern sollte, ist der politische Wille. Daran hapert es oft, nicht nur bei der Bayerischen Staatsregierung, sondern auch in manchen Kommunen, die sagen: Wofür sollen wir das Radfahren groß unterstützen, warum sollen wir dafür so viel Geld für die benötigte Infrastruktur ausgeben? Aber ich glaube, nicht nur so aus der Verbandssicht gesehen, Radfahren ist eine der wichtigen Mobilitätsformen der Zukunft. Absolut.“
Jörg Bornmann: „Welche Rolle spielt die BR-Radltour für die Entwicklung des Fahrradtourismus in Bayern?“
Lutz Braeuer: „Die BR-Radltour ist ein gesellschaftliches und touristisches Ereignis, nicht nur Sport. Teilnehmende erleben Bayern intensiv und entdecken Orte, die sie sonst nicht besuchen würden. Seit 1990 hat die Tour wesentlich zur Popularisierung des Radfahrens in Bayern beigetragen und wirkt dabei als Katalysator für die positive Entwicklung von Radverkehr und Radtourismus.“
Jörg Bornmann: „Lieber Lutz, vielen Dank für die Einblicke in die Entwicklung und Bedeutung der BR-Radltour. Sicherlich gäbe es noch vieles zu besprechen, aber ich denke Du konntest mit Deinen Erläuterungen unseren Lesern einen schönen Einblick in, man darf sicher sagen, Deine BR-Radltour geben.“
Über den Autor*Innen
Jörg Bornmann
Als ich im April 2006 mit Wanderfreak an den Start ging, dachte noch keiner an Blogs. Viele schüttelten nur ungläubig den Kopf, als ich Ihnen von meinem Traum erzählte ein reines Online-Wandermagazin auf den Markt zu bringen, welches eine hohe journalistische Qualität aufweisen kann, eine Qualität, die man bisher nur im Printbereich kannte. Mir war dabei bewusst, dass ich Reisejournalisten und Spezialisten finden musste, die an meine Idee glaubten und ich fand sie.