Mit Wadelkraft dem Himmel entgegen

Von einer leichten Brise umweht gleiten wir fast mühelos Richtung Strand nach Pioppi, einem Ortsteil von Pollica - (c) Susanne Wess

Der Cilento ist ein Paradies für Genussradler, die gerne das Dolce Vita im Süden Italiens mit Radtouren verbinden, die einem auch mal die eine oder andere kleine Steigung abringen. Aber zum Glück gibt es vor Ort moderne E-Bikes und Verleiher, die den Gästen eine Top Rundumausstattung zur Verfügung stellen. Wir haben sie auf einer Panoramatour rund um den Monte Stella im Cilento Nationalpark getestet.

70 Kilometer Radtour rund um den Monte Stella, dem höchsten Berg (1.130 ms.l.m.) im westlichen Cilento stehen heute an. Zwar sind wir mit den E-Bikes von Ciclidea / Italy Bike Rental bestens gerüstet, doch eine morgendliche Stärkung brauchen wir allemal. Und die bekommen wir nach einer geruhsamen Nacht in Form eines herrlichen Landfrühstücks im Agriturismo Zio Cristoforo der Familie Crescenzo in Casal Velino. Selbstgemachte Marmelade, Panini, Kuchen, frischer Obstsaft, Käse und Wurst aus der Region und natürlich ein starker Espresso bringen uns auf Touren. Auf der großen Gartenterrasse, umrahmt von rosa- und lilafarben leuchtenden Bougainvillea, genießen wir die frische morgendliche Landluft.

Dann heißt es: Wasserflasche füllen, aufsitzen und in die Pedale treten. Von einer leichten Brise umweht gleiten wir fast mühelos Richtung Strand nach Pioppi, einem Ortsteil von Pollica. Direkt an der Küste zwischen Casalvelino Marina und Ascea gelegen, zählt das malerische Fischerörtchen gerade mal rund 300 Einwohner. Charmante Alimentari, Pizzerien und hübsche Straßencafés säumen unseren Weg. Die kleinen Pfosten, die den Strand von der Promenade trennen, sind in bunten Pastellfarben gestaltet – so wollte es der Bürgermeister, um dem Dorf noch zusätzlichen Charme zu verleihen. Operation geglückt, sagen wir!

Pioppi und die berühmte „dieta mediterranea“
Bekannt wurde Pioppi übrigens vor allem durch den US-Biologen Ancel Keys, der 28 Jahre lang in dem Ort lebte, hier sorgfältig die Ernährungsweise der Einheimischen studierte und dabei zu dem Schluss kam, dass die Mittelmeer-Diät ganz offensichtliche Nutzen für die Gesundheit mit sich bringt. Nicht umsonst gibt es hier überproportional viele Menschen, die 90 oder gar hundert Jahr alt werden – und sich großenteils noch bester Gesundheit erfreuen. Gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Olivenöl, viel Fisch und wenig Fleisch – dazu ein kleines Gläschen Rotwein und reichlich Bewegung sind wohl die Schlüssel zum Geheimnis. Um der Bewegung gerecht zu werden, strampeln auch wir nun weiter hinauf nach Pollica, dessen Ortskern rund 5 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Dichte Kastanienwälder, hügelige Naturlandschaften und einmalige Ausblicke auf das türkisschimmernde Meer begleiten uns in jenen Ort, der zu den „Cittaslow“ gehört – einer 1999 gegründeten Vereinigung, die für Entschleunigung, die Rückkehr zu regionalen Produkten und eine natürliche Lebensweise und Gastfreundschaft steht.

Amalafede und die alten Jungs
Dass all dies im Cilento besonders großgeschrieben wird, ist uns spätestens dann klar, als wir auf fast autofreien Straßen vorbei an steilen Weinbergen und Ziegenherden über die trutzigen Bergdörfer Celso und San Giovanni in den kleinen Ort Amalafede gelangen. Hier, wo die engen Gassen ihren Anfang nehmen, sitzen sie im Kreis vor der Dorfbar und trinken ihr mittägliches Glas kräftigen Rotwein: Peppe, 86 Jahre alt, Giovanni (92), Mario (89), der einige Jahre in der Nähe von Stuttgart gearbeitet hat und uns mit einem freundlichen „Guten Tag, ihr Fleißigen“ begrüßt, sowie der 94jährige Toni, der noch immer so gut zu Fuß ist, dass er seinen kleinen Gemüsegarten, den „Orto“ selbst bewirtschaftet. Ruhig geht es hier zu – Hektik ist ein Wort, das die alten Herren allenfalls aus der Zeitung kennen. Nach einem stärkenden Caffé und einem kurzen Schwatz über Calcio, den allgegenwärtigen Fußball und das lokale Politgeschehen überlassen wir die Truppe ihrem „Dolce Far Niente“ und kurven weiter zu unserem Mittagsziel, dem alten Bergdorf Rocca Cilento.

Fantastische Ausblicke und köstliche Küche in Rocca Cilento
Mit nur etwa 100 Einwohnern liegt der verschlafene Ort in 635m Höhe in den Hügeln des Nationalparks über dem Alento. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Wenn man durch die engen alten Gassen auf dem Kopfsteinpflaster schlendert, könnte man meinen, ins Mittelalter zurückgereist zu sein. Eine trutzige Burg thront über dem Ort – sie ist schon von Weitem ein beeindruckender Blickfang. Hier, in Rocca Cilento erlebt man eine atemberaubende Aussicht auf das Alentotal, die Flüsse, Berge und weitere kleine Bergdörfer in der hügeligen Landschaft. Diesen einzigarten Panoramaausblick dürfen auch wir genießen, als wir die Zimmer des B& B Antico Convento im Ort besichtigen. Hier erwartet uns Paolo Ferraro, Tochter Erika und der Rest der Familienbande mit einem typischen cilentanischen Pranzo. Eine hausgemachte köstliche Pastavariation mit Fusilli, Ravioli, mit delikater Ricotta gefüllt, dazu ein klassischer Sugo aus sonnengereiften Tomaten und etwas geriebenem Parmigiano. Als Begleiter erfreut uns ein Glas tiefroter Aglianico und vorab eingelegtes saftiges Gemüse aus der Gegend. Paolo und seine Mitarbeiter vermarkten die regionalen Produkte heimischer Bauern hier unter dem eigens kreierten Label „Ciboautentico“ und versenden diese über einen Onlineshop auch nach Deutschland. So kann man selbst nach dem Urlaub etwa noch eingelegte Auberginen, natives Olivenöl, Fusilli cilentani oder die pikante Himbeer-Zwiebel-Marmelade genießen und in Erinnerung an diese herrlichen Tage des Slow life schwelgen. Wir selbst packen nach einer ausgiebigen Stärkung unsere Radtaschen voll und treten erfüllt und beschwingt das Ende unserer Rundtour an. Vom Wind umweht geht es stets über gut asphaltiert und kaum befahrene Straßen hinab, immer dem Blau des Himmels und dem Meer entgegen. Am späten Nachmittag, pünktlich zum Aperitvo, erreichen wir wieder den Strand von Pioppi, wo wir bei einem kühlen Glas Falanghina-Weißwein und stärkenden Häppchen die Tour in aller Gemütsruhe ausklingen lassen. Denn wer es langsam angeht, der bringt es am weitesten und bleibt dabei gesund – Chi va piano, va sano e va lontano – besagt schon ein altes italienisches Sprichwort. Wie viel Wahres darin steckt, haben wir hier im Cilento gelernt.

Weitere Informationen
Anreise
Am besten mit dem Flugzeug ab Deutschland nach Neapel. Von hier weiter per Mietwagen in den Cilento oder erst mit dem Zug nach Salerno (ca. 1 Stunde Fahrzeit – man vermeidet den chaotischen Autoverkehr rund um Neapel) und von hier aus weiter mit dem Mietauto.

Individuelle Radreisen im Cilento
Der Veranstalter Peter Hoogstaden, Inhaber der Agentur Genius Loci Travel (www.genius-loci.it) lebt seit über 20 Jahren in Kampanien und kennt den Cilento wie seine Westentasche. Die Agentur bietet Individualradlern Routen mit ausführlicher Wegbeschreibung und Kartenmaterial, sozusagen zum „Nachradeln “ an. www.genius-loci.it/tour/self-guided-cycling-holidays

Agriturismo Zio Cristoforo in Casal Velina
Der Agriturismo Zio Cristoforo im Herzen des Cilento Nationalparks bietet 1 DZ sowie 7 Appartements mit Terrasse. Stefano Cresecenzo, der Inhaber des Agriturismo, hat von der Oma kochen gelernt, und  das macht die köstlichen typisch cilentanischen Menüs zum Hochgenuss. Da Stefano u.a. auch Sommelier ist, kann man zum Essen auch gerne einen edlen Tropfen wählen. Ein vom mediterranen Palmengarten umgebener Pool bietet Erfrischung für die ganze Familie, wenn man mal keine Lust hat ins Meer zu springen. www.agriturismoziocristoforo.com

Antico Convento in Rocca Cilento
Die charmanten Zimmer des Antico Convento befinden sich in einem ehemaligen Franziskanerkloster und bieten teils atemberaubende Ausblicke auf das Alentotal.  Die Unterkunft liegt nur 13 km vom Bahnhof Agropoli und 44 km von der A3 Salerno-Reggio Calabria entfernt.  Das reichhaltige Frühstücksbuffet bietet Tee, Cappuccino, selbstgebackene Kuchen und Käse aus der Region. Zum Abendessen im Restaurant erwarten den Gast Spezialitäten aus Cilento vom festen Tagesmenü. Auch Kochkurse können auf Wunsch organisiert werden. www.anticoconvento.it

Bikeverlerleih
Rennräder, Mountainbikes und E-Bikes können über Italybikerental gemietet und mit Vorbestellung direkt in de Unterkunft geliefert werden.
Rennräder und Mountainbikes ab 23-25 € pro Tag
E-Bikes ab 35 € pro Tag
www.italybikerental.it/noleggio-bici/index.asp

Onlineshop Cibo autentico
In dem zweisprachigen Onlineshop (englisch und italienisch) kann man authentische Lebensmittel und Weine von Bauern und kleinen Produzenten aus dem Cilento bestellen. www.ciboautentico.it

Museo della dieta mediterranea in Pioppi
In einem alten Palazzo in Meeresnähe liegt das sehr schöne, didaktisch aufgebaute Museum, das den Besuchern die Geschichte von Ancel Keys und der mediterranen Diät auf anschauliche Weise nahebringt. www.ecomuseodietamediterranea.it

Von einer leichten Brise umweht gleiten wir fast mühelos Richtung Strand nach Pioppi, einem Ortsteil von Pollica - (c) Susanne Wess
umrahmt von rosa- und lilafarben leuchtenden Bougainvillea, genießen wir die frische morgendliche Luft - (c) Susanne Wess
Hausgemachter, selbstgebackene Kuchen aus der Region - (c) Susane Wess
Ausblicke auf das türkisschimmernde Meer begleiten uns in jenen Ort - Susanne Wess
Tolle Aussichtspunkte erwrten uns auf der Panoramatour rund um den Monte Stella im Cilento Nationalpark - (c) Susanne Wess
Einmalige Naturlandschaften erwarten uns auch im Valle Cilento - (c) Susanne Wess
Peter Hoogstaden, Inhaber der Agentur Genius Loci Travel, bietet Individualradlern Routen mit ausführlicher Wegbeschreibung und Kartenmaterial, sozusagen zum „Nachradeln “ an - (c) Susanne Wess
Der typisch cilentanische Pranzo, eine hausgemachte köstliche Pastavariation mit Fusilli, Ravioli, mit delikater Ricotta gefüllt, dazu ein klassischer Sugo aus sonnengereiften Tomaten und etwas geriebenem Parmigiano - (c) Susanne Wess
Seit über 20 Jahren lebt Peter Hoogstaden in Kampanien und kennt den Cilento wie seine Westentasche - (c) Susanne Wess
Langsam senkt sich die Sonne über dem Meer bei Casal Velino - (c) Susanne Wess
Zum Abendessen im Restaurant erwarten den Gast Spezialitäten aus Cilento. Ein Aperitivo darf vorab nicht fehlen - (c) Susanne Wess
Bei einem Blick auf die Karte lassen wir die Radtour noch einmal Revue passieren - (c) Susanne Wess

Über den Autor