Mit dem Rennrad über die Alpen – Vom Bodensee nach Bassano

Start am Bodensee - (c) Maren Recken

Die Beine scheinen fest mit dem Rad verwachsen, bewegen sich im gleichmäßigen Rhythmus auf und ab und jeder Tritt führt ein Stückchen weiter Richtung Ziel. Das liegt rund 500 Kilometer und knapp 5000 Höhenmeter entfernt auf der anderen Seite der Alpen.

Vier Tage haben wir eingeplant, um von Konstanz am Bodensee nach Bassano del Grappa im italienischen Venezien zu radeln. Die Etappen sind bereits vor dem Start festgelegt, die Hotelzimmer für die Übernachtungen gebucht, ein Begleitfahrzeug fährt mit, sollte die Kondition einmal nicht ausreichen oder ein Rad eine nicht zu behebende Panne haben. Glücklicherweise brauchen wir weder für den einen noch für den anderen Fall Hilfe. Dafür erweist sich das Begleitfahrzeug an den vordefinierten Treffpunkten als wahrer Luxus, um Trinkflaschen aufzufüllen, Bananen und Fitnessriegel zu bunkern oder um nach einem schweißtreibenden Anstieg auf der Passhöhe das verschwitze Trikot gegen ein frisches zu tauschen.

Für mich ist es der erste Alpencross, die Erfüllung eines Traums und eine kleine mentale Herausforderung, weil ich lange kurvenreiche Abfahrten eigentlich gar nicht mag. Als wir am Bodensee bei bewölktem Himmel starten, blende ich den Gedanken an das, was da bergab noch auf mich zukommen könnte, komplett aus. Zu schön ist die Strecke am See entlang, die uns via Schweiz über Romanshorn, Arbon und Sankt Margarethen nach Österreich führt. Der See liegt links von uns unter einer leichten Dunstglocke und obwohl wir auf der Straße fahren, können wir immer wieder einen Blick auf den See werfen. Die Rücksicht der Schweizer Autofahrer fällt extrem positiv auf. Sogar die LKWs fahren geduldig hinter unserer Gruppe her, bis der Gegenverkehr abebbt und die Straße breit genug wird, dass sie gefahrlos überholen können.

Einmal Regen muss offensichtlich sein, bei der ersten kurzen Rast nach rund 70 Kilometern reicht es gerade noch die Neoprenüberzieher über die Radschuhe zu pfriemeln und die Regenjacke überzuwerfen, bevor ein heftiger Guss für eine kurzzeitig verlangsamte Fahrt sorgt. Von unten spritzt es nass von oben kübelt es aus Eimern. „Warum hat noch keiner die Radbrille mit Scheibenwischer erfunden?“, überlege ich und wische mir zum wiederholten Mal die Tropfen von der Brille. Auf Nebenstraßen und leider auch auf der relativ stark befahrenen B190 geht es weiter nach Bludenz und anschließend auf der ruhigeren 188 weiter nach Sankt Anton und schließlich in einem moderaten Anstieg bis zum ersten Etappenziel in Gaschurn. Der Regen hat zu Glück nur ein kurzes Intermezzo gegeben.

Das in 979 Metern Höhe gelegene Gaschurn, am Fuße der Silvretta Hochalpenstraße, erweist sich am zweiten Tag als optimale Ausgangsbasis, um den Aufstieg bis zur Passhöhe in Angriff zu nehmen. Knappe 10 Kilometer in leichter Bergauffahrt zum moderaten Einrollen, dann wird der Anstieg steiler und die Wolken dichter. Fast wie Nebel. Das Rücklicht am Rennrad gibt etwas Sicherheit. Und das definitiv nicht ausflugfreundliche Wetter hat den Vorteil, dass wir relativ allein unterwegs sind. Da ist es nicht weiter schlimm, dass keiner ein Frontlicht dabei hat.

Den Blick auf die Straße vor mir gerichtet, halte ich eisern meinen Tritt, auch wenn die Steigung im zweistelligen Bereich liegt. Ich lerne die Serpentinen bergauf zu lieben: Im Scheitel sind sie herrlich flach und bieten zwei, drei Pedaltritte lang fast Erholungswert. Auf der Passhöhe reißen die Wolken gerade rechtzeitig zum Erinnerungsfoto an der Staumauer auf. Als es an die Abfahrt geht, habe ich gar keine Zeit und vor allem keine Lust mehr, daran zu denken, dass ich Abfahrten und Serpentinen eigentlich nicht mag. Ich hänge mich einfach an meine drei Mitradler und versuche so gut es geht dranzubleiben. Die Gruppe zieht, nicht nur bergauf. Zwar bin ich nicht so schnell wie die anderen, dafür ist der kleine böse Kerl in meinem Kopf, der mit normalerweise bei jeder Abfahrt Angst einreden möchte, dieses Mal nicht dabei. Wir haben eine herrlich lange Abfahrt vor uns, auf der man die Räder so richtig laufen lassen kann. Und das tue auch ich mit Vergnügen. Doch ohne Fleiß kein Preis, bevor wir das zweite Etappenziel in Nauders erreichen, müssen wir noch einmal rund 1000 Höhenmeter bewältigen. Der Weg führt kurzzeitig zurück in die Schweiz und bei Martina in einen kurvenreichen Anstieg zur Norbertshöhe, bevor wir nach einer kurzen Abfahrt endgültig nach Nauders rollen. Tag zwei geschafft.

Auch Tag drei unseres Alpencross beginnt mit einem leichten Anstieg bis hinauf zum Reschensee. Vor dem berühmten Kirchturm im See muss natürlich ein weiteres Erinnerungsfoto sein. Bis ein gutes Stück hinter den Haidersee entscheiden wir uns für die relativ befahrene Straße, weil der Radweg eine nicht fürs Rennrad geeignete Schotterpassage enthält. „Was waren die Schweizer Autofahrer doch rücksichtsvoll“, denke ich, während uns ein Auto mit Wohnwagen immer wieder anhupt und anschließend beim Überholen schneidet. Wir genießen die Abfahrt trotzdem und zweigen bei erster Gelegenheit auf den Etschtalradweg ab. Und der ist wirklich schön. Mit Gefällstrecken, die teilweise im zweistelligen Bereich liegen folgt er dem gurgelnden Flusslauf ins Tal. Wo das Gefälle zu steil für die Geradeausfahrt ist, führt der Radweg in Serpentinen den Berg hinunter. Eine Minipassstraße nur für Radler, ganz ohne Autos. Das Radlerleben könnte so schön sein, doch unser Tourenplaner scheint es nicht allzu gut mit uns gemeint zu haben. Bevor wir unser drittes Übernachtungsquartier beziehen können, müssen wir noch einen Anstieg nach Eppan (St. Michael) bewältigen. Doch der hat sich gelohnt, das Örtchen mit seinen gepflasterten Straßen besticht mit alpenländischem Charme und zufällig findet an diesem Abend im Stadtzentrum ein Fest statt.

Obwohl wir jeden Tag zwischen 120 und 130 Kilometer im Sattel sitzen, vergeht die Zeit viel zu schnell und mit der Etappe von Eppan nach Bassano del Grappa sind wir bereits am letzten Tag unseres Alpencross angekommen. Richtung Kalterer See fahren wir zunächst ein Stück auf der Straße und dann wieder auf den Etschtalradweg. Weil es ab jetzt bis Bassano fast nur noch bergab gehen würde, schieben wir noch einen kleinen Aufstieg und ein kleines Schmankerl ein. Ein Besuch auf dem Weingut von Francesco Moser, der in den 1970er und 1980er Jahren einer der erfolgreichsten italienischen Radrennfahrer war. Ein winziger Testschluck Wein ist trotz Radfahrens drin, ansonsten bewundern wir die zahlreichen im Weingut ausgestellten Trophäen und ehemalige Fahrräder Mosers. „Ob wir mit einem schweren Stahlrahmen, mit Unterrohrschaltung und Körben statt Klickies an den Pedalen den Alpencross auch so genossen hätten?“, fragen wir uns beim Anblick der ausgestellten Räder. Und beschließen angesichts unserer Hightech Räder: „Das waren noch wahre Helden“.

Bevor es auf dem Brentaradweg, einem gut ausgebauten und top gepflegten Radweg, durch das Valsugana bis nach Bassano del Grappa geht, liegt zwischen Trient und dem Lago di Caldonazzo ein Straßenstück auf der SS47, das nicht mit den Rädern befahren werden darf. Hier scheiden sich die Geister: auf Nebenstraßen, mit einigen Höhenmetern einen Umweg von rund 20 Kilometern fahren oder einen kurzen Transfer im Begleitfahrzeug in Anspruch nehmen. Wir entscheiden uns für letzteres, weil die geschätzte Gesamtstrecke bis Bassano ohnehin schon bei über 130 Kilometern liegt und wir dort bereits verabredet sind. Für den Moment sicherlich die richtige Entscheidung und doch irgendwie gegen mein Radlerherz. Aber nach dem Alpencross ist vor dem Alpencross und beim nächsten Mal, suchen wir uns dann eben einen Weg, um das für Radler gesperrte Straßenstück zu umfahren.

Die Etappen im Überblick
Tag 1, Konstanz – Gaschurn: auf Haupt- und Nebenstraßen sowie parallel verlaufenden Radwegen, via Sankt Margarethen, Koblach, Bludenz, Sankt Anton.
Tag 2, Gaschurn – Nauders: über Silvretta Hochalpenstraße, via Landeck, Martina Norbertshöhe auf Haupt- und Nebenstraßen bis Nauders (die Reschenstraße ist auf dieser Seite für Radler gesperrt)
Tag 3, Nauders – Eppan: auf der Reschenstraße bis kurz nach St. Valentin am Haidersee, dort auf den Etschtalradweg, bei Andrian Richtung Eppan auf der Straße weiter.
Tag 4, Eppan – Bassano del Grappa: auf der Straße via Kalterer See zum Etschtalradweg, bei Trient Abstecher zu Weingut Moser, Autotransfer zum Lago di Caldonazzo, dann auf Brenta Radweg bis Bassano del Grappa.

Start am Bodensee - (c) Maren Recken
Unser Begleitfahrzeug für die Verpflegung unterwegs - (c) Maren Recken
Der obligatorische Regenguss kommt bereits am ersten Tag - (c) Maren Recken
Die Tour führt über Straßen und Radwege - (c) Maren Recken
Das erste Etappenziel in Gaschurn ist erreicht - (c) Maren Recken
Start auf die Silvretta Hochalpenstraße - (c) Maren Recken
Beim anstieg sind die Spitzkehren fast erholsam - (c) Maren Recken
Auf der Silvretta Hochalpenstraße geht es in die Wolken - (c) Maren Recken
Und pünktlich zum Gipfelfoto reißen die Wolken auf - (c) Maren Recken
Die lange Abfahrt auf der Silvretto Hochalpenstraße ist ein Traum - (c) Maren Recken
An der Etsch entlang geht es Richtung Meran - (c) Maren Recken
Der Etschtalradweg, landschaftlich schön und gut ausgebaut - (c) Maren Recken
Unsere Autorin Maren Recken mit der italienischen Radsportlegende Francesco Moser  - (c) Maren Recken
Das kleine aber feine Radsportmuseum von Francesco Moser bietet sich für einen Abstecher an - (c) Maren Recken
Auf dem Brentaradweg geht es durch das Valsugana nach Bassano - (c) Maren Recken
Geschafft, das Ziel Bassano ist erreicht - (c) Maren Recken

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